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Solidarität mit Lateinamerika Stellungnahmen

Angesichts der imperialistischen Bedrohung: lateinamerikanische Einheit und Widerstand

Diese Stellungnahme ist nur ein kleiner Beitrag, ein Impuls unter vielen, entstanden in einer Situation geprägt von Wut und Schmerz. Doch aus solchen Situationen sind oft die entschlossensten und dauerhaftesten Formen des Widerstands hervorgegangen – Kämpfe gegen imperialistische Kriege und systematische Gewalt. Mit diesem Text richten wir unsere Solidarität an die Gesellschaften des Karibikraums1: an eine Region, in der die ersten Unabhängigkeitsbewegungen des Kontinents entstanden, die durch die Geschichte der kolonialen Ausbeutung geprägt ist, durch Sklavenhandel, Zwangsarbeit, soziale Kämpfe, politische Umbrüche und tief verwurzelte Traditionen des Widerstands.

Eine lange Geschichte der Einmischung

US-Kriegsschiffe vor der Küste Venezuelas.

In Lateinamerika zeigt sich heute erneut der politische und militärische Druck der USA. Ziel ist es, die bestehenden Strukturen des Volkswiderstands zu schwächen und antiimperialistische Bewegungen zu unterdrücken – Bewegungen, die von den Völkern unseres Kontinents im langen Kampf um soziale und politische Befreiung aufgebaut wurden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Regierung versucht, die politischen Entwicklungen unserer Länder zu beeinflussen, um die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Kontrolle über wirtschaftliche und staatliche Prozesse zu sichern. Seit zwei Jahrhunderten wenden die USA unterschiedliche Strategien der Einmischung in Lateinamerika an: von der Monroe-Doktrin2 bis zum Plan Cóndor3, über direkte militärische Interventionen, ökonomische und militärische Unterstützung rechter Regierungen, die Finanzierung und Organisation von Staatsstreichen gegen progressive oder revolutionäre Kräfte, Wirtschaftssanktionen und Blockaden, Eingriffe in die Sicherheitspolitik sowie die Ausbildung und Finanzierung militärischer und paramilitärischer Gruppen, die systematisch gegen die Zivilbevölkerung vorgehen.

Das Karibikgebiet hat immer wieder seine Souveränität verteidigt: von der Besetzung und Annexion Puerto Ricos (1898), der Abtrennung Panamas und der Aneignung des Kanals (1903), der militärischen Besetzung Haitis (1994), den Interventionen in der Dominikanischen Republik (1916 und 1965), der Invasion in der Schweinebucht in Kuba (1961), der Unterstützung paramilitärischer Strukturen in Kolumbien bis hin zur finanziellen und politischen Unterstützung des Staatsstreichs gegen Hugo Chávez (2002). All diese Fälle zeigen die wiederkehrenden Versuche, die Selbstbestimmung der Völker des Karibikraums zu untergraben.

„Den ‚Hinterhof‘ zurückholen?“

In den vergangenen Monaten ist Abya Yala erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit der US-Regierung geraten, insbesondere unter Donald Trump, der in seinem innerstaatlichen Machtkampf versucht, den wirtschaftlichen Wettbewerb mit China zu gewinnen. Unter dem Vorwand eines „Kriegs gegen den Drogenhandel“ soll erneut eine umfassende politische und militärische Intervention in der Region legitimiert werden. Der US-amerikanische Imperialismus ordnet seine strategischen Interessen in Lateinamerika neu: von der Einrichtung militärischer Stützpunkte mit Unterstützung rechtsautoritäter Regierungen wie der von Noboa in Ecuador, über Verschuldungspolitik und strukturelle Anpassungsprogramme unter Milei in Argentinien, bis hin zur Tötung von mehr als 80 Menschen im Karibischen Meer. Dadurch entsteht ein Szenario wachsender Spannungen zwischen Venezuela und Kolumbien, mit dem Ziel, den Zugriff auf die größten Erdölreserven der Welt – in Venezuela – zu sichern und gleichzeitig Handelsabkommen zu blockieren, die China wirtschaftlich stärken würden.

Trump und Marco Rubio, Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten.

Die Schaffung einer Erzählung vom „gescheiterten Staat“ und vom „Kampf gegen den Drogenhandel“, um eine militärische Intervention in Venezuela zu rechtfertigen, hat historische Vorläufer. Das Vorgehen orientiert sich am gleichen strategischen Muster wie frühere Interventionen in Guatemala, Grenada, Chile, Kolumbien und Panama. Zu den Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre, die dieses Konfliktszenario aufgebaut haben, gehören unter anderem:

  • Gespräche und Vermittlung der USA mit der Regierung Guyanas zur politischen und militärischen Unterstützung inmitten des eskalierenden Konflikts um das Esequibo-Gebiet. Besuch von Marco Rubio4 in Guyana sowie gemeinsame Militärübungen von Guyana und den USA auf guyanischem Gebiet (März 2025).
  • Verschärfung der Wirtschaftssanktionen gegen venezolanische Regierungsvertreter*innen (2023).
  • Weitere Verschärfung der wirtschaftlichen Blockade gegen Venezuela, die zu einer schweren Krise, wachsender sozialer Unsicherheit und Verarmung breiter Teile der Bevölkerung führt.
  • Beginn der „Operation Safeguard“ zur massenhaften Abschiebung venezolanischer Staatsangehöriger aus den USA, die pauschal als Kriminelle dargestellt werden (Januar 2025).
  • Massendeportationen venezolanischer Migrant*innen aus den USA in Hochsicherheitsgefängnisse in El Salvador, mit dem Vorwurf, Teil des „Tren de Aragua“5 zu sein (März 2025).
  • Erlass eines internationalen Haftbefehls gegen den Präsidenten Venezuelas mit der Begründung, er sei Teil der angeblichen terroristischen Organisation „Cártel de los Soles“ (Oktober 2025).6
  • Einstufung des „Tren de Aragua“ als ausländische Terrororganisation durch das US-Außenministerium (März 2025).
  • Verleihung des Friedensnobelpreises an die venezolanische rechtsgerichtete Oppositionspolitikerin María Corina Machado, die zuvor wiederholt öffentlich US-Präsidenten (Bush, Obama, Biden) um eine militärische Intervention gebeten hatte (2025).
  • Einstufung des „Cártel de los Soles“ als ausländische Terrororganisation durch das US-Außenministerium (November 2025).
  • Militärische Aufrüstung der USA im Karibikraum, darunter Kriegsschiffe, Flugzeugträger, nukleare U-Boote, Bomber und die Stationierung von etwa 15.000 US-Soldaten (August–November 2025).
  • Außergerichtliche Hinrichtungen von mehr als 80 Fischer*innen verschiedener Nationalitäten in internationalen und kolumbianischen Gewässern unter dem Vorwurf des Drogenhandels (September–Oktober 2025).
  • Militärübungen und Truppeneinsätze der US-Armee in Panama sowie Nutzung der maritimen Grenzgebiete zwischen Venezuela und Trinidad und Tobago.
  • Zunehmende diplomatische Spannungen zwischen Venezuela und Trinidad und Tobago.
  • Militärische Überflüge in unmittelbarer Nähe des venezolanischen Hoheitsgebiets (November 2025).
  • Ankündigung einer neuen Phase militärischer Operationen gegen Venezuela und Vorbereitung direkter Interventionen am Boden (Ende November 2025).

Hier gibt niemand auf!

Der Karibikraum ist heute ein Gebiet zunehmender militärischer Spannung. Jede Woche verschärft sich die Lage weiter. Eine direkte militärische Intervention gegen Venezuela über seine Küsten oder ein politisches Destabilisierungsszenario, das in einen Bürgerkrieg münden könnte, muss nicht nur den entschiedensten Widerspruch der Völker weltweit hervorrufen, sondern auch eine breite internationale Solidarität, um eine mögliche regionale Gewaltspirale, den Verlust der Souveränität und eine vollständige Unterordnung unter die strategischen Interessen der USA rechtzeitig zu verhindern.

Gustavo Petro beim Protest gegen die US-Intervention in Kolumbien, der „Demonstration für Frieden, Demokratie und nationale Souveränität” in Bogotá am 24.10.25.

Die Sicherung des Friedens in Venezuela und Kolumbien bedeutet auch die Sicherung des Friedens in einem Kontinent, der erneut von Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Repression und Hunger geprägt ist. Wir müssen die Entwicklungen aufmerksam und sachlich bewerten und die Dimension dessen verstehen, was derzeit geschieht. Es reicht nicht, sich zurückzulehnen oder sich auf Positionen zurückzuziehen, die ausschließlich – und zu Recht – die Übergriffe einer Regierung kritisieren, die sich als revolutionär darstellt, aber ihr eigenes politisches Projekt verraten hat. Wir müssen gleichzeitig konsequent gegenüber der langen Geschichte des Widerstands auf unserem Kontinent bleiben und uns klar gegen die erneute Gefahr imperialer Intervention stellen. Unser politischer Standpunkt entsteht mit und aus den Kämpfen der Bevölkerung.

Wir kommen aus einer Region, deren Identität stark von ihrem Widerstand gegen Kolonialismus, gegen die herrschenden Klassen und gegen imperialistische Mächte geprägt wurde. Dieser Kontinent hat seine weitreichendsten politischen Fortschritte immer dann gemacht, wenn er für seine Rechte eingetreten ist und kollektive Entscheidungsfähigkeit eingefordert hat. Auch jetzt wird es nicht anders sein: Es gibt bereits viele Stimmen, die sich gegen neue militärische Eingriffe und gegen die fortgesetzte Bedrohung der Bevölkerung durch externe Mächte positionieren.

Der Bloque Latinoamericano ruft dazu auf, Kräfte zu bündeln, Position zu beziehen und Netzwerke des Widerstands gegen imperialistische Strategien aufzubauen – unabhängig davon, wie unterschiedlich unsere Einschätzungen zur venezolanischen Politik der letzten Jahre ausfallen. So wie wir weltweit Solidarität mit Palästina gezeigt haben, sollten wir heute die Einheit Lateinamerikas verteidigen, den Gedanken eines gemeinsamen politischen Raums wiederaufnehmen und uns als Teil einer gemeinsamen Geschichte und eines gemeinsamen Territoriums begreifen. Darin liegt unsere Stärke.

Wir dürfen keine weitere militärische Eskalation in unserer Region zulassen. Wir müssen uns erneut gegen die Einmischung der USA stellen.

Von Palästina bis Abya Yala – der Kampf geht weiter.
Gegen imperialistische Gewalt – wir werden nicht weichen.

  1. Im Taíno bedeutet der Begriff Karib „stark“, „mutig“ oder „tapfer“. Caribe wurde während der Kolonisierung verwendet, um die indigene Bevölkerung der Antillen zu bezeichnen. ↩︎
  2. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten stand im Wettbewerb mit dem europäischen Kolonialismus im westlichen Hemisphärenraum. Sie besagt, dass jede Einmischung außerkontinentaler Mächte in die politischen Angelegenheiten des amerikanischen Kontinents als potenziell feindlicher Akt gegenüber den Vereinigten Staaten betrachtet wird. James Monroe, 1893. ↩︎
  3. Eine Kampagne politischer Repression und staatlichen Terrors, die ab 1975 von mehreren lateinamerikanischen Diktaturen mit Unterstützung der US-Regierung durchgeführt wurde. Sie umfasste Geheimdienstoperationen sowie die Ermordung, Folter und das Verschwindenlassen von Tausenden von Menschen auf dem gesamten Kontinent. ↩︎
  4. Außenminister und Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten aus der Republikanischen Partei. ↩︎
  5. Eine aus dem venezolanischen Bundesstaat Aragua stammende Drogenhandelsgruppe. ↩︎
  6. Eine mutmaßliche kriminelle Vereinigung venezolanischen Ursprungs. ↩︎

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